Stefan Meller über die polnisch-russischen Verhältnisse

Vorlesung (in Französisch)

Beantwortung der Fragen von Zuhörern (in Französisch)

Amber Gold i piramidy finansowe część Iczęść II

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Siehe auch: Schröders Fehler, Belkas Fehler und Wurzel

Den 2. Oktober 2007

Stefan Meller ist der ehemalige Botschafter Polens in Paris und dann in Moskau, und darauf auch der ehemalige Außenminister der Republik Polen. Wir präsentieren die Vorlesung von Stefan Meller zum Thema polnisch-russische Beziehungen, die am 2. Oktober 2007 in Paris, in der Wissenschaftsstelle der Polnischen Akademie der Wissenschaften stattfand.

In der Vorlesung ist die Rede von dem Verhältnis der Russen zu den Polen im Laufe der Jahrhunderte und heutzutage, sowie davon, wie die ordentlichen Russen Polen und den slawischen Katholizismus wahrnehmen, sowie von mehreren weiteren Fragen, die Beziehungen Russlands gegenüber Polen und der westlichen Welt betreffend.

Abschnitte der Vorlesung

Im folgenden – Fragmente der Vorlesung in der Übersetzung aus dem Französischen. Bei jedem Abschnitt ist dessen Anfangszeit angegeben, damit der Leser diesen in der Aufnahme finden kann.

6:04 Es besteht ein grundsätzlicher Unterschied zwischen dem Begriff „Slawe”. In Russland und In Polen. Für die Russem ist es ein hauptsächlich politischer Begriff. Politisch, obwohl natürlich auch mit ethnischen Aspekten. Für die Polen ist ein Slawe zu sein, ein ethnischer Begriff. Für die Russen also, ein Slawe zu sein, bedeutet die Zustimmung in Gesamteuropa für die russische politische Überlegenheit der slawischen Welt.

7:37 Für die Russen, ein Slawe zu sein, das ist auch Griechisch-Orthodox zu sein. Griechisch-Orthodox, also kein Katholik, also wiederum ein Russe und Slawe. Ein Katholik als ein Slawe zu sein, das bedeutet den Verrat an der Sache, sowohl der slawischen, als auch der christlichen Sache. Und gleichzeitig, selbst wenn es zu keinem klaren Ausdruck gebracht wird, bedeutet es die freiwillige Willfährigkeit gegenüber der westlichen Welt.

8:32 Nach der dritten Teilung Polens (1795) wurde jeder Pole auf dem Gebiet des Russischen Zarenreichs zu einem Untertanen des Allrussischen Zars. Der Zar ist zugleich der polnische König. Und die Polen mit ihren Aufständen vom Ende des 18. und vom ganzen 19. Jahrhunderts, sie rebellieren wieder und wieder, sie verraten also den polnischen König. Für einen Polen ist ein derartiger Gedankengang ein Absurdum, aber glauben Sie mir, selbst unter russischen Wissenschaftlern habe ich Leute getroffen, die derartige Argumente beibringen.

15:54 Eine bestimmte Kontinuität funktionierte bis zum Jahre 1945 und wurde durch russische Behörden benutzt, sowohl in den Gesprächen mit den Alliierten, als auch in der durch die russischen Diplomaten betriebenen Propaganda: ein Pole, das ist ein grundsätzlich unsicheres Element, selbst das Bestehen Polens, als eines unabhängigen Staates, bildet eine bestimmte Gefahr für Europa und macht gute Beziehungen zwischen Russland, bzw. der Sowjetunion einerseits und der westlichen, europäischen Welt andererseits, schlicht unmöglich.

17:45 Im Jahre 1956 wurde von Ostdeutschland und Moskau ein gewisses Spiel geführt (...) es war die Idee der Wegnahme von Stettin, der Rückgabe von Stettin an Deutschland (an das kommunistische Deutschland). Moskau hat nie diese Idee abgelehnt, Gomułka musste also sehr entschieden sein. Das ist ein zusätzlicher Mißtrauensgrund, der erlaubte den Russen die Oder-Neiße-Grenze als eine bestimmte Garantie der (polnischen) Nachgiebigkeit zu betrachten, und gleichzeitig als ein Argument, das bei einer großen politischen Manipulation in Anspruch genommen werden könnte.

20:00 Das Jahr 1956 war vor allem, und das war in der Provinz zu empfinden, ein Widerspruch gegen die sowjetische Anwesenheit in Polen, sowie gegen die Verfolgung der Kirche gewesen (...), alles also, was dann im Jahre 1980 mit verdoppelter Stärke zurückkam.

23:45 Polen, nach 1989 wieder frei, hat zugleich zwei Bestrebungen: die Mitgliedschaft in der NATO, sowie die Mitgliedschaft in der EU. Dies nicht nur zwecks Wiedererlangung des wirtschaftlichen Wohlstands oder der Militärsicherheit, sondern auch zu dem Zwecke, einem Lager der Werte anzugehören, die sich hochgradig von den Werten unterscheiden, die der Staat früher gezwungen war zu respektieren, d.h. von den sowjetischen Werten.

27:00 Nach 1989 verkörperte Johannes Paulus II in den russischen Vorstellungen alles Schlechte, was über die Polen und die westliche Welt gesagt werden kann. Und selbstverständlich sind die Polen wiederum Verräter, diesmal aber ist der Verrat noch viel beträchtlicher, da ein neues Element hinzukommt (...): Die Undankbarkeit. In der russischen Volksvorstellung (...) besteht eine tiefe Überzeugung, die Sowjetunion habe die Satellitenstaaten erhalten/ernährt. Die Überzeugung besteht nach wie vor, nicht in Moskau und nicht in Petersburg, es reicht aber Sibirien aufsuchen, wo den Polen Freundschaft bezeigt wird. Die Menschen in Sibirien mögen die Polen, schätzen sie hoch und geben auch Nachweise hierfür, sind aber gleichzeitig absolut überzeugt, wir seien von ihnen fünfzig Jahre lang erhalten worden, ähnlich wie auch Tschechen, Slowaken u.a.

28:50 In den neuen EU-Ländern sagt man allgemein, dass im Jahre 1989 die Transformationsepoche begann, dass wir in einer Transformationsepoche sind. Aber in einem Lande wie Polen dauert die Transformation bereits zwanzig Jahre und wird noch fünf oder zehn Jahre dauern. Die Transformation in Russland (wirtschaftlich, politisch, und vor allem das Missverhältnis zwischen Großstädten und Provinz betreffend) wird noch mindestens zwei Generationen dauern.

37:00 Durch die Unterstützung der Vereinigten Staaten ist Polen zu einem einfachen Ziel für den Antiamerikanismus, versteckt unter der Maske vom Antipolonismus, geworden. (...) Mit der EU-Angehörigkeit übernimmt Polen die Rolle vom Westeuropa. Polen wird sehr oft (...) angegriffen mittels Argumenten, die üblicherweise, noch vor zwanzig Jahren, gegen die westeuropäische Welt gerichtet wären.

40:57 Mit Deutschland haben wir eine sehr verkomplizierte, sehr schmerzhafte Vergangenheit, manchmal dauert diese immer noch an, ein ist aber vorhanden: Die Deutschen und die Polen haben ein bestimmtes gemeinsames Wörterbuch entdeckt. Wir haben gelernt zu sprechen, wir können um die Geschichte kämpfen, wir haben aber eine gemeinsame Semantik. (...). Das große Drama zwischen den Russen und uns, das ist der Mangel an einer gemeinsamen Sprache.

47:30 Gemeinsam mit der Mehrheit unserer Nachbarn haben wir uns die größte Mühe gegeben, um unsere neue Position in Europa zu finden. Es handelt sich dabei gar nicht um die geostrategische Position, sondern um die moralische. Mit Russland wirkt es nicht. (...) Es fehlt der fundamentale Willen (...) und das ist das Drama. Aus Gründen, die ich verstehe, macht Russland keine Bestrebungen in dieser Richtung, weil es nach seiner eigenen Identität sucht. (...) Wie kann man die Vergangenheit vor dem Jahre 1917, vom zaristischen Russland, vom bolschewistischen Russland einschließlich Stalin und vom neuen Russland in Einklang bringen?

50:00 Die Russen wundern sich immer, wenn wir zu ihnen über Katyn sprechen, sie sagen darauf: „Wir verstehen euch nicht, ihr habt ja das Glück, eure Getöteten rechnen zu können, und wir haben Tausende von Stellen, wie Katyn, und niemand weiß wo, wahrscheinlich überall.“

52:00 Unser Land hat das Wissen (über Russland), ein Wissen, das es an seine EU-Partner übergeben kann. (...) Europa will lernen, es lernt und beginnt besser zu sehen, präziser, ich sehe hier eine sehr bedeutende Rolle, (...) wir können für Europa nützlich sein.

54:30 Auf der wirtschaftlichen Ebene haben wir innerhalb von einem Jahr eine Handelswachstum (zwischen Polen und Russland) um 63% erzielt. Das ist enorm!

Beantwortung der Fragen, 2:18 Den größten Dienst, den wir Russland erweisen können, damit es wirklich demokratisch wird, ist, die demokratische Berufung der Ukraine zu fördern.

Beantwortung der Fragen, 10:38 In den Zeiten von Jeltzin war die NATO der Feind Nr. 1. Die NATO ist nicht mehr der Feind Nr. 1, der Feind Nr. 1 ist heute die OSZE , die kämpft um die Menschenrechte.

Beantwortung der Fragen, 14:00 Das wichtigste Problem ist die gemeinsame Handlung. (...) Ich bin der Meinung, wir brauchen eine gemeinsame Politik gegenüber Russland, Ukraine und alle postsowjetischen Länder. Und, um eine gemeinsame Politik zu haben, brauchen wir eine gemeinsame Außenpolitik der EU. Damit diese Politik besteht, brauchen wir die EU-Verfassung. Das ist der Hauptgrund, warum ich diese Verfassung fördere. (...) Die Verfassung ist ein politisches Ereignis, das, meiner Meinung nach, unmittelbar und auf die bestmögliche Art und Weise meinem Land dient. (...) Polen braucht sie.

Auswahl und Übersetzung aus dem Französischen ins Polnische, Kamera – Marcin Skubiszewski. Die weitere Übersetzung aus dem Polnischen ins Deutsche – Leszek Berger

Siehe auch: Schröders Fehler, Belkas Fehler und Wurzel

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Stosunki polsko-rosyjskie (rapports entre la Russie et la Pologne) by skubi June 01, 2007, 04:00:10 PM

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